
Reisebericht aus der Zeitschrift "ELTERN family": Die Wüstenläufer
11. April 2008 - Reise:
Der Journalist Gero Günther hatte sich an Ostern 2008 zusammen mit Geraldino zu einer außergewöhnlichen Familienreise aufgemacht. Mit Kamelen durch die Dünenwüste Südtunesiens wandern - das ist für Kinder und Eltern ein Abenteuer:
Der Morgen:
Die Karawane erwacht
Der Morgen beginnt früh in der Wüste. Noch ehe die Sonne über den Dünen aufgeht, hört man die Reißverschlüsse der Schlafsäcke und Zelte ratschen. Einer nach dem anderen kriecht hervor und reibt sich den feinen Sand aus den Augen. Elf Kinderzwischen sechs und 13 Jahren und zwölf Erwachsene sind wir, ein Häuflein Kurzzeit-Nomaden, das sechs Tage lang mit Kamelen durch die Dünenwüste Südtunesiens zieht. Geführt von Mohamed, der in der Sahara aufgewachsen ist, und seiner deutschen Frau Heidrun. Außerdem sind noch Ahmed, Adel, Ali, Maloud, Omar und Mukthar dabei.
Die Kameltreiber sind schon seit einer Weile wach, um die Tiere zu versorgen, Feuerholz zu sammeln und das Frühstück vorzubereiten. Jeden Morgen backen sie in der heißen Asche des Lagerfeuers große Brotfladen. Wir kauern neben ihnen auf Ziegenhaardecken und stippen die noch warmen Brotstückchen in die Quittenmarmelade. Für die Kinder gibt’s zwei Gläser Nutella, die Heidrun extra ausDeutschland mitgebracht hat.
Nach dem Frühstück folgen fünf Minuten Körperpflege. Mehr als Zähneputzen und Katzenwäsche ist wegen Wasserknappheit nicht drin. Währenddessen packen Mohamed und seine Männer die Kamele, was gar nicht so einfach ist, weil das Gewicht gleichmäßig verteilt werden muss. Lautstark diskutieren sie jeden Tag, wie das am besten geht.
Überhaupt sind Ahmed, Adel, Ali, Maloud, Mohamed, Omar und Mukthar ziemliche Quasselstrippen. Sie haben ständig etwas zu erzählen und lachen den ganzen Tag. Und haben dazu noch jede Menge Geduld mit den Kindern. Keiner mault, wenn Thibault, unser siebenjähriger Sohn, zum x-ten Mal kommt, um sich seinen Schal fachgerecht um den Kopf wickeln zu lassen. Möchte bloß wissen, wer auf die Idee kam, „Kameltreiber“ als schimpfwort zu benutzen!
Endlich ist alles auf den Kamelen verstaut: die blauen Wasserkanister, Rucksäcke, Seesäcke, Mattenund Decken, Kartons voller Orangen, Kartoffeln, Hirse und Ziegenfleisch, Zelte, Kochgeschirr, Becher und natürlich Gerds Gitarre. Gerd ist Musiker und Liedermacher, bekannt unter dem Künstlernamen Geraldino, und auf dieser Familienreise so etwas wie der Animateur. Die Kinder lieben Gerd vom ersten Augenblick an. Denn dem fröhlichen Franken fällt immer etwas ein, um sie aufzuheitern, wenn sie schlechte Laune haben oder müde und schlapp sind.
Der Tag:
Unterwegs im Sand
Langsam setzt sich die Karawane in Bewegung. 17 Kamele, genauer gesagt Dromedare (weil sie einhöckrig sind), haben wir dabei. Die Kinder kennen die Tiere alle beim Namen: Suraf, Labjad oder Chaouar heißen sie zum Beispiel, was „Grünauge“, „Weißer“ oder „kräftiger Kerl mit weicher Wolle“ bedeutet.
Mukthar, mit 61 Jahren unser Senior-Treiber, führt die Karawane an. Hoch oben thront er auf seinem Sattel. Ihm folgen in Gruppen die Reit- und Lastkamele, mal im Gänsemarsch, mal in Zweierreihen. Dazwischen trottet das unbeladene Jungtier, es muss das Kamel-sein erst noch lernen. Chef-Nomade Mohamed hält den ganzen Tross zusammen.
Die Kinder haben sich ziemlich schnell an den schwankenden Gang gewöhnt. Manche lümmeln längst wie Paschas auf ihrem bewegten Diwan. Nur wenn es bergab geht, heißt es aufpassen und sich gut am Sattelgriff festhalten. Sonst fällt man leicht herunter. Die meisten von uns Erwachsenen wandern lieber neben den Tieren her. Obwohl es gar nicht so einfach ist, mit den Dromedaren Schritt zu halten. Im Gegensatz zu ihnen sinken wir im weichen Sand ganz schön ein. Das strengt an. Kleine Pausen zwischendurch sind deshalb sehr willkommen. Standardsatz
der Eltern zu den Kindern ist dann jedes Mal: „Du musst trinken, auch wenn du keinen Durst hast.“
Mittags machen wir eine längere Rast – unter einem Baldachin, den Ahmed aus diversen Stoffen für uns gebastelt hat. Die Temperaturen sind zwar Anfang April noch erträglich, über 25 Grad steigen sie in unserer Wanderwoche nicht an. Trotzdem sind wir über ein bisschen Schatten froh. Kaum sitzen wir im Sand, ist auch schon Gerd mit seinen Spielen, Geschichten und Liedern zur Stelle. „Sing noch mal das „Kroko-koko-dil“, wünscht sich Lorenz. „Nein, lieber ,der singende Zahn“, wünscht sich Lara. „Verrückte Tiere“, ruft Manuel dazwischen.
Am Nachmittag zieht die Karawane noch ein Stück weiter. Insgesamt laufen wir zwischen fünf und acht Kilometer pro Tag. Orientierungspunkte gibt es nur wenige im Sandmeer. Weder Dörfer noch Straßen, Wege oder Schilder, nur ein paar Bergzüge, Hügel, Felsen. Es ist beeindruckend, wie die Kameltreiber trotzdem zielsicher den Weg finden. Durch eine Landschaft, die in ihrer Monotonie hypnotisierend wirken kann. Elke und Christina marschieren inzwischen barfuß über die Dünen. Michael kämpft mit seinen Blasen. Noch eine Stunde, dann sind wir für heute am Ziel.
Der Abend:
Tee und Tänze
Kaum sind die Kamele in die Knie gegangen, rennen die Kinder auch schon los. Surfen die Dünen hinunter, spielen Fußball oder gucken sich erst mal um. Helena entdeckt eine Echse, Laura eine Versteinerung, Ben einen Skarabäus-Käfer und Baptiste, unser neunjähriger Sohn, allerlei Pflanzen von Eselsgurke über wilden Knoblauch bis zu Thymian und Kamille. „Komische Wüste“, findet er. „Hier wächst ja viel zu viel.“
Auch die Kameltreiber sind gleich nach der Ankunft am Lagerplatz ausgeschwärmt, um Äste zu sammeln. Schnell haben sie einen Haufen zusammen. Das trockene Holz brennt wie Zunder. In die Glut stellen sie dann die Wasserkessel. Den großen goldenen für die Kinderteemischung, den silbernen für den Grüntee und ein winziges Kännchen für das hochkonzentrierte Gebräu der Nomaden. Ein Getränk, mit dem man Tote aufwecken kann.
Während wir uns ein Plätzchen für das Zelt suchen, bauen Ali und Ahmed „die Couch“ auf. Ein bequemes Gebilde aus Matten und Decken. Omar knetet den Brotteig, Mukthar schneidet ein paar Streifen vom Ziegenfleisch herunter, Abdel setzt Couscous in den großen verrußten Töpfen an.
Langsam wird es dunkel und ziemlich frisch. Alle trudeln am Feuer ein, das herrlich knistert. Die Kinder scharen sich gleich um Gerd herum, der die Wartezeit auf das Abendessen mit einer Gruselgeschichte verkürzt. Die Sorba-Suppe und das Couscous schmecken vorzüglich. „Scharf, scharf“, stöhnen die Kinder. Die meistens essen trotzdem tapfer ihren Teller leer. Als Dessert gibt es wie jeden Tag die leckersten Orangen der Welt. Saftig und rot wie die untergehende Sonne.
Mit klebrigen Händen sitzen wir um das Lagerfeuer herum und ziehen eine erste Bilanz. Fast alle sind sich einig: die Zelte sollten größer und stabiler sein, die Strecken kürzer (was bei der Planung der neuen Tour bereits berücksichtigt wurde). Und mit so viel Wind hat auch keiner von uns gerechnet. Vor allem nicht mit den nächtlichen Sandstürmen. Wieder zu Hause ist so ein Sturm natürlich ein spannendes Erlebnis zum Erzählen. Aber wenn man in einem winzigen Zelt liegt und die Böen an den Planen reißen, möchte man nur, dass es schnell aufhört. Die Kinder haben die Sandstürme übrigens wenig beunruhigt. Sie schlummerten tief und fest in ihren Schlafsäcken. Schon erstaunlich, was die so alles wegstecken können.
Heute ist es windstill, zumindest bisher. Maloud greift zur Flöte. Omar schlägt die Dabourka, das Tamtam, und dann beginnen die Kameltreiber zu singen. Wie immer geht es um die Schönheit der Frauen, und wie immer klingt es sehnsuchtsvoll.Später spielt Gerd noch auf der Gitarre dazu, und wir tanzen mit Omar und Ahmed um das Feuer. Wir sind glücklich, in der Wüste zu sein, genießen den gleichbleibenden Rhythmus der Tage, monoton und wellenförmig wie die Dünen, die sich bis zum Horizont erstrecken.
Text: Gero Günther
(erschienen in der Zeitschrift „Eltern family“)

