Reisebericht aus der Zeitschrift "Brigitte": Gauklerferien mit Geraldino
20. Juli 2006 - Reise:
In den Jahren 2002 und 2003 zuckelte Geraldino mehrere Male mit Familien in Pferdewagen durch die Vogesen, die Reise wurde vom Familien-Reiseveranstalter "ReNatour" durchgeführt, hier findet ihr einen Reisebericht der Zeitschrift "Brigitte" ...
Auf großer Fahrt...
Gauklerferien mit Geraldino
Was für eine Mähne! Strähnen, hellbraun wie Karamelbonbons, darunter dunkle Augen mit langen Wimpern, ein melancholischer Blick. Und einen Hintern wie ein Brauereipferd. Ob sich Mademoiselle mit uns anfreundet? Wir sind die neuen Kutscher. Ehrlich gesagt, ganz geheuer ist mir die Sache nicht. Vor dicken Huftieren habe ich einen Höllenrespekt. „Du stehst im Weg“, heißt es hinter mir. Nur, weil ich mich seit einer halben Stunde mit Händen in den Hosentaschen am Gatter rumdrücke. Die anderen wollen los. Wozu haben wir Dalina, das Kaltblut, und den Zigeunerwagen mit der Aufschrift „Amazone“ gebucht?
Meine Kinder, Strick und Zaumzeug locker über die Schultern geworfen, drängen an mir vorbei. „Diesmal was mit Pferd“. Das stand für sie lange vor den Sommerferien fest. Denn für Ricci (8) zählt auf Erden vor allem eines: Ponys. Meine Nichte Charlotte (14) ist eine begeisterte Reiterin, und Friedemann (10) wurde einfach überstimmt. Nun ist er erleichtert, dass noch mehr Jungs mitfahren. Insgesamt sind wir neun Familien, verteilt auf sieben Wagen. Alle wild entschlossen, im Tempo des vorletzten Jahrhunderts von einem Bauernhof zum nächsten zu ziehen. Die meisten kennen „so einen Gaul nur aus dem Fernsehen“. Und wir haben sogar einen Gaukler dabei: Geraldino, den mitreisenden Kindermusiker aus Nürnberg mit Koffern voller Jonglierbällen und Instrumenten.
Claude, knurriger Pferdewirt der Station in Fontainois-la-ville, erklärt, wie Zaumzeug und Geschirr angelegt werden. Auf Französisch! Dalina, die ihn als einzige versteht, tritt von einem Huf auf den anderen, während wir herumwerkeln, das zottelige Kaltblut zu bändigen. Schließlich sind das ledergepolsterte Collier, Gurte und Ketten in der richtigen Reihenfolge festgezurrt. „Voilà. Très bien.“ Ein Lob? Von Claude? Hat er gedacht, das Amazonen-Team von der anderen Seite des Rheins könne kein Pferd anspannen?
Als Letzte erklimme ich den Kutschbock („mach schon, Lisa“) und halte den Atem an. „Allez!“, Charlotte gibt das Zeichen zum Aufbruch, schnalzt mit der Zunge. Steht in der Bedienungsanleitung für Dalina, die der Pferdewirt uns zugesteckt hat. Der schwere Holzwagen ächzt, ruckelt nach vorn, dann zurück, und schließlich, als Menschen, Milchkaffee-boules und die Äpfel hinten im Schrank wieder in ihre ursprüng-liche Position zurückgekullert sind, rollen wir los.
Und wie! Schritt-Tempo würde mir für den Anfang genügen. Dann könn-te ich auf dem Kutschbock meine Glieder sortieren und einen Blick auf die Karte werfen. Wir werden unsere Wagenburg jeden Abend auf einem anderen Hof aufstellen. Je nachdem, wie die Tagesetappe von zehn bis fünfzehn Kilometern gerade geplant ist, halten wir am späten Nachmittag vor einer alten Scheune oder auf einem restaurier-ten Gestüt mit eigener Araberzucht.
Dalina möchte jetzt vor allem eines: Traben. „Hooooooh“, kommandiert Charlotte. Das Pferd hört nicht zu. „Maaarchez!“ Die Stute spitzt interessiert die Ohren und fällt in den Schritt zurück. Voilà. Très bien.
Der Zigeunerwagen schaukelt uns bergab zwischen Maisfeldern auf ein Wäldchen zu, vorbei an tadellos aufgestapelten Baumstämmen. Ricci würde „soo gern auch mal die Zügel“ halten, aber vorläufig sind wir froh, dass wir es selbst einigermaßen hinkriegen — Charlotte als Kutscherin und ich heimlich mit einem Fuß auf der Bremse.
Vor uns liegt die Haute-Saone: Schmale Wege schlängeln sich in der Sonne durch Wiesen und Felder. Am Rand wachsen Mirabellen und Brombeeren. Ab und zu kündigen ein paar Apfelbäume den nächsten halbverlassenen Weiler an, auf dem Kopfsteinpflaster klingen die Hufschläge wie im Mittelalter. Bäuerinnen in Kittelschürzen, die einander mit verschränkten Armen zuhören, lächeln, als wir vorbeiziehen. Die Geranien in den Kübeln stehen gut diesen Sommer.
Auf dem Globus zu Hause haben die Vogesen ausgesehen wie Berge; hier, zwischen Belfort und Nancy, gibt es zum Glück nur ein paar Hü-gel. Vor jeder Anhöhe springen wir vom Bock, macht drei Zentner weniger für das Pferd, stellen Frieder zum Schieben ab, nehmen Dalina am Halfter und reden ihr gut zu. Über was unterhält man sich mit einem französischen Pferd, das doch einen ganz anderen kulturellen Hintergrund hat? „Nachher suchen wir für dich eine Wiese mit fettem Klee“, flüstert Charlotte ihr ins Ohr. Dalina hastet schnaubend die Anhebung hinauf und schweigt. Klackklock, klackklock, ich habe Mühe, Schritt zu halten. Geraldino, auf dem Wagen hinter uns, spielt dem Schimmel vor seinem Wagen die Titelmelodie von „Bonanza“ vor. Auf der Mundharmonika. „Du sollst schieben“, ruft Frieder ihm zu.
Nach der Steigung ist eine kleine Pause fällig. Die Kinder stürzen zu Geraldinos Wagen; der hat die Gitarre schon in der Hand, möchte mit uns aber auch „eine Menschen-pyramide einstudieren“ oder den „doppelten Purzelbaum“ üben. Jedenfalls kann man ihm von einer spontanen Vorstellung für die Kleineren („Spiel was, Geraldino“) bis zu alten Stones-Titeln („Kennst du noch ...“) alles entlocken.
Im Inneren des Wagens rumort es. „Das Mitropa-Team hat gewechselt“, sagt Ricci bietet den Kutscherinnen Äpfel an und stopft sich selbst ein paar Rosinen in den Mund. Die klebrigen Reste lassen die Kinder in den Hosentaschen verschwinden, um Dalina später im Schatten einer Friedhofsmauer einen Pausen-Snack anzubieten: Lö-wenzahnröllchen mit Apfelfüllung. Wie lange müssen wir noch fahren? Kann nicht mehr weit sein bis zu dem Bauernhof, der heute unser Ziel ist.
Wir orientieren uns an Windmühlen, kleinen Holzwegweisern und der sorgfältigen Nummerierung, mit der die Franzosen jede Abkürzung bedenken. Bei der Ankunft in Le Grand Thon spurtet uns der Bauer entgegen. Wir übergeben ihm die Zügel und halten uns fest. Denn Monsieur Aubert jagt auf dem Kutschbock stehend die Abfahrt zu seinem Terrassengrundstück hinunter, als ob die Apachen hinter uns her wären. Punktgenau bringt er den Wagen zum Stehen und bittet uns auf einen halben Eimer Kraftfutter für Dalina in seine Scheune.
Der schöne alte Hof ist jetzt un-ser Lager. Von ganz oben hat man einen herrlichen Blick über Gemüsebeete mit leuchtenden Kürbissen, Schafe und die bunten Ziegel der Dächer. Nach und nach treffen die anderen Roulottes ein. Die größeren Kinder bringen die Pferde auf die Weide.
Wir dürfen uns ausruhen. In der Nachmittagssonne durchs Dorf stromern. Oder in der Schlange vor der Dusche mit den anderen Kutschern schwatzen („Unser Pferd läuft immer im Zickzack“). Ricci und ein Mädchen vom Nachbarwagen haben eine kleine weiße Ziege entdeckt und rupfen Gras für sie. Als sie mich mit einem Stück Seife winken sehen, verschwinden beide samt Ziege kichernd zwischen den Büschen.
Monsieur Aubert, der Bauer im ge-ringelten T-Shirt, serviert abends vor dem Essen wahlweise selbstge-machten Cidre oder Cassis. Selbst ein in der Küche radschlagendes Mädchen stört ihn nicht, während er Schüsseln mit Pastete, Würsten, Bohnen und Kartoffeln am gusseisernen Ofen vorbei zu den langen Tischen balanciert. Hier, unter den schwarzen Balken der niedrigen Decke, fühlen wir uns wie auf einem großen Familienfest.
Als wir später im Dunkeln die Kinder einsammeln, finden wir sie draußen am Feuer wieder. Drumherum tanzt ein Indianer mit finsterer Bemalung. „He-ja-ho-ho-ho“, singt er mit tiefer Stimme. Geraldino. Wer sonst. Die Jungs werfen ihre T-Shirts ins Gebüsch und malen sich die Oberkörper mit Ruß an. Schwarz ist cool. Sagt Friedemann immer.
Am nächsten Morgen tropft es vom Dach auf die Kieselsteine vor der Scheune. Mit heißen Teebechern sitzen Charlotte und ich auf dem Kutschbock, sehen die Pferde langsam aus dem Nebel auftauchen. Striegel, Futtereimer und Zaumzeug liegen schon bereit. Dalina be-grüßt als Erstes Charlotte, schmiegt ihre große Schnauze an ihre Schulter. Zugegeben, ich freu mich auch, die Stute zu sehen. Man wächst ja doch irgendwie zusammen. Und: Ich hatte ja keine Ahnung, wie weich Pferdeohren sein können, wenn sie beim Aufzäumen vorsichtig unter dem Riemen des Halfters hervorgeholt werden. Während wir an-spannen, versucht Ricci, ihre neue Freundin in den Wagen zu schmuggeln. Zum Glück ist der Tritt zum Kutschbock für die Ziege zu hoch. Charlotte führt Pferd und Wagen vom Hof, ich kutschiere. Ist gar nicht so schwer. Heute liegen die Zügel schon viel lockerer in der Hand. In aller Frühe rauschen wir auf den nächsten Weiler zu. Die Pferde schnauben. Sonst ist alles um uns herum friedlich und still. Keine SMS. Keine Andenken. Mitten im Wald gibt es keine Postkarten. Liebe Freunde, da kann ich jetzt auch nichts machen.
Die Kinder vertreiben sich die Zeit damit, unterwegs die Tiere zu zählen: eine kleine Maus, drei Bussarde, ein dicker Stier, ein (toter) Igel, mindestens 55 Schne-cken, ein einsames Pony, eine Hand voll Kühe, drei gemeine Wespen und lauter verschiedene Vögel. Es wird langsam heiß.
Vor uns liegt Monthureux. Entzückend. Jetzt könnte man ein Café ansteuern. Ich stelle mir vor, wie wir Dalina mit einem Strick an einem Querbalken festbinden, mit unseren Wanderstiefeln die Saloon-Tür aufstoßen und fünf Oranginas mit Strohhalm bestellen. Ist aber ganz schön schwierig, ein sieben Meter langes Gefährt mal eben irgendwo anzubändseln. Das einzige Bistro am Ort hat statt Balken Blumenkästen mit Ringelblumen vor dem Eingang. Wäre Dalina sicher recht, wenn wir hier anhielten. Obendrein würden wir mit dem Wagendach die gestreifte Markise herunterreißen. Keine Chance — wir müssen weiter. Hinter uns hat sich bereits eine Autoschlange gebildet. Niemand hupt.
Irgendwelche Hinweise auf erfri-schende Getränke? Eiscreme? Leider nein. Stattdessen treffen wir vor einer Schuhmacherei überraschend auf Claude, den Pferdewirt. Als wir ihm von dem Café erzählen, springt er kurz zurück in sein Auto und überreicht uns dann ein zusammengeknotetes, kariertes Geschirrhandtuch. Gekühlte Mirabellen aus seinem Garten. Voilà. Très bien.
Am Ortsausgang erwarten uns zwei, drei Kilometer ebener Strecke. Ricci kann ihr Glück kaum fassen: Zum ersten Mal hält sie die Zügel in der Hand. Und überlässt uns die Mirabellen.
Von Lisa Schönemann
BRIGITTE Heft 9/2003


